Frau Rauhut, welche Werte prägen Sie als Mensch und Managerin und leiten Sie durch Ihr Leben?
Vertrauen, Leistung, Begeisterung und Resilienz sind meine zentrale Wertebasis, die mich leitet: Vertrauen ist für mich essenziell, denn nur mit Vertrauen können belastbare menschliche Beziehungen und erfolgreiches Zusammenwirken von Menschen entstehen. Im Alltag bedeutet das, Offenheit, Klarheit und Verlässlichkeit zu leben. Schon in meinem Elternhaus waren Ehrlichkeit und ein offener Austausch Grundpfeiler des Zusammenlebens. Daran halte ich mich bis heute. Gerade als Führungskraft ist es mir wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich trauen, klar und offen ihre Meinung zu sagen, Verantwortung zu übernehmen und auch Fehler einzugestehen. Nur so können echte Partnerschaften auf Augenhöhe und gemeinsamer Erfolg entstehen.
Als ehemalige Leichtathletin habe ich zur Leistung und zum Wettbewerb einen sehr positiven und im wahrsten Sinne des Wortes „sportlichen Zugang“. Ich mag Wettbewerb und ich mag Leistung. Als Leistungssportler muss man sich immer wieder neu übertreffen. Dazu gehören Professionalität und ein hoher Qualitätsanspruch. Im Sport wie im Unternehmen. Insofern setze ich mir und meinem Umfeld ambitionierte Ziele, gehe Themen strukturiert an und bleibe konsequent in der Umsetzung. Leistung ist für mich eng verbunden mit wirtschaftlichem Erfolg und strategischer Weiterentwicklung von Menschen und Unternehmen. Ich sehe mich ein Stück weit als Trainerin des Teams: Wenn wir dann die Medaille oder den Pokal gemeinsam geholt haben, um im sportlichen Bild zu bleiben, ist die Freude im Team einfach unbezahlbar und gleichzeitig die beste Motivation für die nächste Herausforderung.
Und genau diese Begeisterung für den Erfolg ist mein innerer Antrieb. Ich arbeite gern mit Menschen, gehe neue Themen mit Neugier und Energie an. Aus meiner Sicht entsteht Erfolg, wenn es Führungskräften gelingt, die eigene Begeisterung auf andere zu übertragen. Resilienz schließlich ist der Wert, der mich in Zeiten von Unsicherheit und Veränderung trägt. Flexibel bleiben, Optionen sehen und schaffen und dabei immer positiv nach vorne denken – das ist eine Grundkonstante in meinem Leben. In schwierigen Situationen bleibe ich ruhig, suche den Dialog und wäge die beste Lösung besonnen und entschieden ab. Diese innere Stabilität ermöglicht es mir, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben und meinem Umfeld auch in herausfordernden Situationen Sicherheit zu geben.
Oder um es mit Olympiamedailliengewinner Edgar Itt zu sagen: „Die Hürde war für mich kein Hindernis, sondern sie ist ein Teil des Weges zum Ziel.“ Wenn man das verinnerlicht, dann setzt das viel Kraft frei.
Welchen Einfluss haben Werte bzw. die Kultur eines Unternehmens auf den Erfolg von Unternehmen?
Einen ganz zentralen Einfluss! Denn Werte und Unternehmenskultur haben aus meiner Sicht eine direkte Wirkung auf den ökonomischen Unternehmenserfolg. Werte und die daraus resultierende Kultur bestimmen, wie Entscheidungen getroffen, Konflikte gelöst und Veränderungen gestaltet werden. Eine klare, gelebte Wertebasis schafft Orientierung, Vertrauen und Verlässlichkeit – nach innen wie nach außen. Wenn Mitarbeitende spüren, dass Werte nicht nur theoretisch formuliert, sondern im Alltag faktisch vorgelebt werden, steigen Identifikation, Motivation und Verantwortungsbereitschaft. Das wirkt sich auf Produktivität, Qualität und Innovationskraft aus. Gleichzeitig stärkt eine konsistente Kultur die Attraktivität als Arbeitgeber und die langfristige Bindung von Talenten. Gerade in Phasen von Transformation und Krisen zeigt sich der wahre Wert von Kultur: Denn wie Führungskräfte als Vorbilder agieren, wie sie Teams leiten und wie Menschen in einem System miteinander umgehen, das entscheidet am Ende darüber, ob Veränderungen als Bedrohung oder als Chance erlebt werden. Eine starke, werteorientierte Kultur ermöglicht es Organisationen, auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, schnell zu lernen und sich nachhaltig im Markt zu behaupten. Das ist übrigens meines Erachtens der Grund, weshalb der Mittelstand – und hier ganz besonders die Familienunternehmen – so beständig erfolgreich ist. Dort sind Unternehmenskultur und Mitarbeiterbindung von großer Bedeutung. Nicht zuletzt deshalb schaffen es diese Unternehmen, trotz der teilweise schwierigen Wettbewerbsbedingungen in Deutschland über Generationen hinweg profitabel zu bleiben.
Die Wirtschaft in Deutschland kommt nicht genug in Schwung – in der Folge diskutieren wir in Deutschland über übergeordnete Werte wie den Sozialstaat und darüber, ob und in welcher Form wir uns diesen in Zukunft leisten können. Wie blicken Sie auf diese Herausforderung?
Wir brauchen wieder ein solides Fundament, das volkswirtschaftlich nachhaltig trägt und so unseren Wohlstand für die nächsten Generationen sichern kann. Wir haben jahrzehntelang von der Substanz und über die Verhältnisse gelebt. Aktuell haben wir noch eine starke Industrie in Deutschland – allerdings mit deutlicher Abwanderungstendenz. Faktisch finanzieren viele deutsche Konzerne und Mittelständler die deutschen, im Wettbewerbsvergleich teuren Standorte über ausländische Niederlassungen, die weitaus günstiger sind. Diese Rechnung ist endlich. Insofern müssen wir wieder dahin kommen, aus uns selbst heraus profitabel zu sein. Und insbesondere wieder stärker auf unseren Qualitätsvorteil „Made in Germany“ zu setzen.
In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Ausland bemängelt. Sehen Sie unsere Werte in Deutschland, also unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, hier in Gefahr?
Ich sehe akuten Handlungsbedarf, ja. Wir brauchen eine europäische Verteidigungsstrategie und eine gesicherte Energieinfrastruktur genauso dringend wie eine IT- und KI-Souveränität. Andere große Nationen haben das schon seit langem verstanden und sind uns als Global Player deutlich voraus. Das gilt genauso für unsere Lieferketten: Das sollten wir alle spätestens seit Corona verstanden haben: Es ist ein wirtschaftliches und sicherheitspolitisches Risiko, dass wir einen Großteil von Antibiotika oder anderen wichtigen Medikamenten aus dem Ausland importieren oder kritische Infrastruktur wie Häfen nicht in unserer eigenen, nationalen Verantwortung sind. Im Rahmen eines weiteren Beiratsmandats, das ich gerade angetreten habe, geht es etwa um die Produktion von Komponenten für Energieversorger, Industrie und Bahnverkehr. Von solchen Unternehmen, den klassischen „Hidden Champions“, die für ein exzellentes Qualitätsprodukt „Made in Germany“ stehen und die unsere nationale und europäische Unabhängigkeit stärken, brauchen wir viel mehr. Tragisch ist, dass wir diese zukunftsrelevanten Industrien alle schon einmal bei uns hatten: Solarindustrie, Chiphersteller, Produktionsroboter, um nur ein paar zu nennen. Wir müssen diese Branchen wiederbeleben und gezielt fördern, um neue Arbeitsplätze in zukunftsorientierten Bereichen zu schaffen und unsere Wirtschaftsmacht und unsere Demokratie zu stärken. Denn nur als starke Volkswirtschaft in einem geeinten Europa werden wir als Partner in der Welt ernst genommen. Insofern gilt aus meiner Sicht: „Europa ist das neue global“: Wir müssen uns europäisch vernetzen, um unsere Unabhängigkeit und unser gemeinsames Werteverständnis in Zukunft bewahren zu können.
Die KI übernimmt immer mehr Aufgaben in Unternehmen und löst kontroverse Diskussionen aus: Viele Menschen machen sich Sorgen. Wie blicken Sie als ausgewiesene Digital-Expertin hierauf?
Vorweg: Die KI ist da und sie wird nicht mehr verschwinden – in fünf Jahren wird unsere Welt noch viel durchgängiger von KI und Robotics geprägt sein, als sie das heute schon ist. Insofern geht es um die Frage, wie wir mit der KI umgehen, und vor allem darum, wie wir die KI wertebasiert nutzen können. Hier haben wir zwei Herausforderungen: Zum einen werden unsere Kinder in den Schulen nicht dahingehend ausgebildet, KI intelligent, reflektiert und werteorientiert zu nutzen. Mit anderen Worten: Uns fehlt die digitale Bildungskompetenz. Wir müssen KI sinnhaft-differenziert einordnen. Viel zu oft wird KI gerade im Bildungswesen als allgemein „böse“ dargestellt – das macht aber keinen Sinn. Es ist vielmehr entscheidend, die Vorteile der KI zu kennen – vor allem aber, die Jugend auszubilden, die KI zu unserem gesamtgesellschaftlichen Vorteil gemäß unseres verbindenden Werteverständnisses zu nutzen. Wir haben angesichts des demographischen Wandels und des bestehenden Fachkräftemangels übrigens ohnehin keine andere Chance.
Zum anderen haben wir aus europäischer Sicht angesichts der aktuellen geopolitischen Lage ein massives Problem: Es gibt zehn Konzerne, die in der KI führend sind: sieben davon kommen aus China, drei aus den USA. Keiner aus Europa. Wir brauchen aber dringend KI- und IT-Firmen originär hier aus Europa, damit wir KI gemäß unserer geopolitischen Sicherheitsbedürfnisse und unseres europäischen Wertegerüsts einsetzen können und nicht weiter abhängig sind von anderen Nationen, die einen teilweise anderen kulturellen Kompass und eigene geopolitische Interessen haben. Die Frage ist ja: „Wem vertrauen wir was an?“ Und der Kern, der uns ausmacht – unsere Werte – muss auch der Kern unserer KI-Tools sein. Meines Erachtens müssen wir uns in Europa darauf besinnen, in den sicherheitsrelevanten Bereichen von IT und KI viel enger zusammenzuarbeiten – ebenso wie in der Rüstung. Wir brauchen ein Europa der Willigen, um die Wirtschaft übergreifend in Europa wieder anzukurbeln und unabhängiger in kritischen und sicherheitsrelevanten Branchen wie IT, Pharma, Rüstung und Infrastruktur zu werden. Dazu müssen wir pragmatischer zusammenarbeiten. Wir müssen die EU meines Erachtens behutsam, aber zielorientiert transformieren, um als europäische Wirtschaftsallianz an Bedeutung gewinnen zu können.
Wie soll das konkret gehen, dass Europa als Wirtschaftsmacht wieder mehr Bedeutung gewinnt?
Wir müssen verstehen, dass wir mit nationalem Denken international nicht wettbewerbsfähig sind. Konkret bedeutet das, dass wir es uns dauerhaft nicht leisten können, in jedem Einzelfall Vorteile für jede einzelne Nation erzielen zu wollen. Vielmehr muss das europäische Optimum das Ziel sein. Wenn man einmal ohne diplomatische und regulatorische Limitationen draufblickt, würde ich ein wenig zugespitzt in Anlehnung an einen unternehmerischen Transformationsprozess sagen: Wir brauchen einen organisierten Prozess mit klarer Zeit- und Zielvorgabe: Jedes EU-Land schickt kompetente Vertreter mit Prokura und es gibt eine gemeinsame sechsmonatige Arbeitstrecke als eine Art „Dauerklausur“ nur mit Unterbrechungen für Rücksprachen mit den jeweiligen Regierungen und am Ende steht dann ein Ergebnis. Quasi ein Bootcamp für Europa.
volle%20Gespra%CC%88che%20mit%20Sven%20Korndo%CC%88rffer_.jpg)
