Die Serpentinen schlängeln sich gefährlich eng den Berg hinauf. Hat man Klausen unweit von Brixen passiert, werden die Gassen so schmal, dass sie andernorts vermutlich längst als Fußwege gelten würden. Hoch über dem Eisacktal liegt Villanders – ein kleines Südtiroler Bergdorf, in dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint. Mitten im historischen Ortskern befindet sich der Ansitz Steinbock, ein denkmalgeschütztes Juwel aus dem 15. Jahrhundert, das eindrucksvoll beweist, dass wahrer Luxus nicht im Prunk, sondern im Wesentlichen liegt.
Hinter den meterdicken Mauern verbirgt sich kein klassisches Hotel, sondern ein „Historic Hideaway“ mit nur zwölf individuell gestalteten Suiten. Naturbelassenes Holz, massiver Stein und ein reduziertes Interieur bewahren den gotischen Charakter des Hauses. Wer hier erwacht, blickt durch tiefe Fensternischen direkt auf das Panorama der Dolomiten. Die Suiten mit freistehender Badewanne und privater Sauna stehen sinnbildlich für jenen leisen Luxus, der den Steinbock prägt: zurückhaltend, ehrlich und vollkommen entschleunigt.
Zur Begrüßung serviert Gastgeberin Elisabeth Rabensteiner ein Glas Südtiroler Apfelsaft. Die gebürtige Villanderin übernahm den Ansitz bereits mit 19 Jahren. Seit 2000 befindet sich das Haus im Familienbesitz. Heute vereint der Steinbock Geschichte, Rückzug und eine moderne Form von Gastlichkeit. Im Fine-Dining-Restaurant La Lumosa interpretiert Küchenchef René Tschager traditionelle Gerichte mit eigener Handschrift – an gerade einmal vier Tischen.
Elisabeth, du hast den Ansitz in sehr jungen Jahren übernommen. Wie viel Mut brauchte es, diesem historischen Haus eine moderne Handschrift zu geben, ohne seine Seele zu verlieren?
Als ich zum ersten Mal in der Defregger Stube stand und Plastik-Efeu von den Wänden hing, wusste ich sofort, welches Potenzial in diesem Haus steckt. Also flog alles Künstliche raus: Plastik, synthetische Stoffe, alles, was den Charakter verdeckte. Stattdessen kamen Naturmaterialien, frische Blumen und Kerzen hinein. Das waren die ersten Schritte, um die Besonderheit des Hauses sichtbar zu machen. 2022 begann dann der große Rückbau. Das war natürlich eine enorme Verantwortung, aber ich habe sie nie als Belastung empfunden, sondern als Antrieb. Ich wollte kein beliebiges Hotel schaffen, sondern die Geschichte des Hauses bewahren – den alten Dielenboden, die originalen Türen, die Atmosphäre. Ich habe jeden Winkel studiert, um möglichst viel vom Alten zu erhalten. Sogar die Handwerker und der Architekt sagten irgendwann zu mir: „Elisabeth, das ist doch nur ein Hotel.“ Aber für mich war es eben nie nur ein Hotel. Jedes Detail war mir wichtig, nicht nur einzelne Designobjekte. Viele hielten meine Ideen zunächst für zu radikal, doch am Ende waren selbst die größten Kritiker überrascht.

Du sprichst von Luxus als etwas Leisem und Wesentlichem. Wie erleben Gäste diese Philosophie?
Luxus beginnt für mich mit Zeit und Aufmerksamkeit. Gäste checken bei uns nicht anonym ein, sondern kommen erst einmal in meiner kleinen Stube bei einem Glas Apfelsaft an. Wir lernen uns kennen, sprechen miteinander, kommen an. Diese persönliche Nähe ist für mich echter Luxus – etwas, das in großen Häusern oft verloren geht. Meine Vision war immer ein Haus von Freunden für Freunde. Gerade weil wir nur wenige Suiten haben, entsteht eine besondere Verbundenheit. Die Gäste sollen das Gefühl haben, nicht einfach irgendwo zu übernachten, sondern Teil eines Ortes zu werden. Es geht um Ehrlichkeit, Wärme und darum, Menschen wirklich wahrzunehmen.
Welche Rolle spielt die besondere Lage von Villanders für die Atmosphäre des Hauses?
Der Ansitz ist seit jeher ein Treffpunkt im Dorf. Nach der Messe kommt man auf ein Glas Wein vorbei, Einheimische und Gäste begegnen sich an unserer kleinen Bar. Gleichzeitig gibt es viele ruhige Ecken, die zum Rückzug einladen – auf der Sonnenterrasse oder bei Wanderungen mit Blick ins Tal. Genau diese Mischung macht den Steinbock aus: herzliche Gastlichkeit und gleichzeitig genügend Raum für Ruhe. Man kann hier vollkommen für sich sein und dennoch spüren, dass das Haus mitten im Dorfleben verwurzelt ist.
Was sollen Gäste nach ihrem Aufenthalt mit nach Hause nehmen?
Wir empfangen Menschen mit Sinn für Ästhetik, Genuss und Geschichte. Unser Ziel ist es, Raum für intensive, sinnliche Erfahrungen zu schaffen – für den Gaumen und die Seele. Viele Gäste sagen uns später, dass sie bei uns zum ersten Mal seit Langem wirklich zur Ruhe gekommen sind. Genau das wünsche ich mir. Diese Verbindung aus Gastlichkeit, Kultur und Atmosphäre macht den Ansitz Steinbock einzigartig. Es geht nicht um Inszenierung, sondern um Echtheit.
Wenn du die Seele des Hauses in drei Worten beschreiben müsstest?
Geerdet. Bodenständig. Natürlich. Wir bewahren die Geschichte des Hauses und schaffen zugleich Raum für neue Geschichten – ehrlich, warmherzig und mit großer Liebe zum Detail. In einer Atmosphäre voller ursprünglicher Wärme entsteht Nähe, die man nicht planen oder kaufen kann.

