GENUSS

Weindurchblick

Il vino fa buon sangue
Autor: 
Alessandro Borioni
, Fotograf: 
Advertorial
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Weindurchblick

Es ist meist kurz nach Sonnenaufgang. Eine leicht kühle Brise vermischt mit dem Duft frischgewaschener Bettwäsche findet den Weg in die Küche von Nonna Assunta.

Sie hat direkt nach dem morgendlichen Espresso einen großen Topf aufgesetzt, in dem feinst geschnittene Zwiebeln und eine Brunoise von Sellerie und Karotten sowie leicht angedrückter Knoblauch in Olivenöl dünsten. Aus einer kleinen Vorratskammer holt sie die „Passata di Pomodoro“ und gibt mehrere dieser in den Topf. Sie greift in den in die Jahre gekommenen Delonghi-Kühlschrank und holt eine Flasche Rotwein – ungelabelt – (Inhalt Montepulciano?) heraus. Ein kräftiger Schluck davon veredelt die Tomatensauce vor dem langen Einkochen. Danach wird die Hitze des Herdes reduziert und später wir die Sauce mittags der Familie kredenzt – natürlich mit Pasta. Manchmal mit selbstgemachten Nudeln, aber auch gerne mit der „Pasta al Grano Duro“ (sprich Pasta aus Hartweizen), die ist länger bissfest und auch bei weitem nicht so aufwendig zu verarbeiten. Sonntags gibt es auch mal Cappelletti, eine Art gefüllte Eierteigwaren. Hierzu wird ein enormer Aufwand betrieben, allein das Befüllen der Cappelletti mit einer Masse aus fein gewolftem Rind-, Schweine- und Kalbfleisch kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Doch hier kommt meist auch die Nachbarin mit ihren verrunzelten, doch nicht minder flinken Fingern zur Hilfe.

Assunta wirft sich das Küchentuch über die linke Schulter, stemmt die Hände ins Kreuz und seufzt erleichtert auf. Das ist schon mal erledigt. Sie kann sich kurz entspannen und am besten tut man das bekanntlich mit einem Daumenbreiten Schluck „Vino Rosso“ aus dem kleinen Wasserglas. Das ist gut für den Kreislauf – gut für das Herz. „Il vino fa buon sangue“ – Wein macht gutes Blut.

Es wird ein wenig Zeit ins Land gehen, bis Assunta sich den nächsten daumenbreiten Schluck an diesem Tag einschenken wird. Es ist schließlich noch viel zu tun. Die Wäsche ist abzuhängen, der Einkauf wird seine Zeit in Anspruch nehmen und natürlich müssen Küchenboden und Flur noch gewischt werden. Und Assunta braucht mittlerweile länger, um diese Tätigkeiten in akribischer Perfektion auszuüben, um ihrem Mindestanspruch zu genügen.

Eine Anekdote, wie sie in Variation tausendfach in Italien täglich stattfindet. Es geht um Pasta, es geht um Vino und Fürsorge – es geht um Amore.

Das spiegelt sich natürlich auch in den Zahlen des italienischen Weinbaus wider: Italien gehört zu den wichtigsten europäischen Weinproduzenten. Im Jahr 2019 hatte das Land eine Gesamt-Rebfläche von 121.697 Hektar für die Weinerzeugung und im gleichen Jahr wurden in Italien insgesamt 47.532.617 Hektoliter Wein erzeugt. Davon waren knapp 45 Prozent DOCG und DOC Weine, gut 25 Prozent waren IGT Weine, zu denen die „Vini Comuni e Varietali“ gehören – dies sind einfache Weine ohne Qualitätseinstufung (Vini Generici, seit 2009). Jede der 20 italienischen Regionen hat ihre eigenen Rebflächen, wobei die Toskana in zwei und das Piemont in vier Unterzonen unterteilt sind.

In einem kleinen Ristorante der Porta Nuova bringt der Sommelier die Weinkarte. Marco erwartet internationale Gäste, dieses Mal aus Asien. Er ist aufgeregt. Es ist sein erster direkter Kontakt mit Geschäftspartnern aus Fernost. Er hat sich in seinen teuersten Anzug geworfen, die Frisur sitzt perfekt, die Schuhe glänzen. Er will, nein er muss einen guten Eindruck hinterlassen. Schließlich geht es hier um einen riesigen Deal für die Firma. Marco fühlt sich, als würde seine gesamte berufliche Laufbahn davon abhängen, wie der Abend verläuft, daher kümmert er sich gleich zu Anfang um den wichtigsten Bestandteil eines gelungenen Abendessens – um den Wein. Mit Leichtigkeit sucht er zum Start in den Abend einen Franciacorta Satè aus, das Italienische Pendant zum Blanc des Blancs Champagner, danach einen kräftigen Timorasso aus der Colli Tortonesi, passend zu den „Tagliolini al tartufo bianco di Alba“ und im Finale einen stoischen, stark gereiften Barolo Riserva der alten Schule zur Tagliata. Der Sommelier empfiehlt zum Schluss noch einen Marsala, um die Zabaione am Ende des Menüs zu paaren. Marco hat so gut vorgearbeitet, dass er vor dem Eintreffen seiner Gäste noch locker Zeit hat, die Örtlichkeiten aufzusuchen. Auf dem Rückweg von diesen hat ihm der Sommelier einen daumenbreiten Schluck Rotwein eingeschenkt. Das ist gut fürs Herz, ist gut gegen Spannung. Denn schließlich: „Il vino fa buon sangue“  – Wein macht gutes Blut.