GENUSS & REISE

Weindurchblick

„Wein wird im Alter besser ...“ – Wein-Stammtisch-Parolen für jedermann
Autor: 
Uwe Homann
, Fotograf: 
Advertorial
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Weindurchblick

Wer hat es nicht schon in seinem eigenen Umfeld oder Bekanntenkreis erlebt. Ein Alphatier positioniert sich am äußersten Rand der Küche oder am Rand einer Terrasse und startet ein Loblied auf diesen unglaublichen Jahrgang, welchen wir gerade im Glas haben. Der Wein selber stammt gar nicht von dieser Person, sondern wurde vorher klammheimlich aus dem Weinkeller des Gastgebers entnommen. 

Heutzutage führt doch ein jeder, einigermaßen kultivierter Haushalt einen mittleren bis großen Weinkeller mit mindestens 120 Positionen, zumeist bestehend aus selbst erworbenen Lieblingsprodukten der letzten Urlaubsreisen. Dieser kann sich klassisch im Kellerbereich befinden oder auch in den berühmten, perfekt klimatisierten Wein-Klimaschränken eines namhaften Küchenausstatters aus München. Im Idealfall sind diese Kühl-
einrichtungen fast immer in der Nähe von Kochfeldern zu finden – gefühlte Umgebungstemperatur von 31° Celsius. Aber man spricht ja auch immer von der Zimmertemperatur, welche perfekt für den Rotweingenuss ist. Was bedeutet indes eigentlich Zimmertemperatur? In Asien werden aufgrund von Platzproblemen Weine sogar in Tiefkühlbereichen gelagert ... Ist das ideal? Meine Frau empfindet an ganz „bestimmten“ Tagen Temperaturen, die es sonst nur in der Wüste Gobi in ähnlicher Weise gibt, als angenehm ... ist das ideal für den Wein? 

Kommen wir zurück zum Party-Alphatier – meistens männlich, leicht fortgeschrittenen Alters (wobei dieses Phänomen bei einigen Hipstern auch schon zu erkennen ist) und der zumeist von allen Partygästen akzeptierte Wein-Sommelier des Abends. Begründet in den meisten Fällen, weil schon mehrfach in der Toskana gewesen und zahlreiche Weingüter besucht ... Bis heute geht allerdings noch kein italienischer Fachbegriff über seine Lippen, sei‘s drum, er kennt sich aus.

Und dann kommt die Aussage der Aussagen, der Wein habe jetzt die perfekte Trinkreife! Ein perfekter Jahrgang! Ja was heißt das denn? War dieser Wein in diesem Jahrgang besonders günstig zu erwerben, da der Winzer mal lieber a bisserl mehr Masse anstatt Klasse aus dem Weinberg geholt hat? Die letzten beiden Corona-Jahrgänge waren kein Zuckerschlecken, wer mag es da einem kaufmännisch orientierten Winzer verübeln? Oder gab es in diesem Jahr sogar zu wenig Traubenmaterial, sodass eine jede Flasche dieses Weingutes schon einer Rarität ähnelt, welche eigentlich gleich am besten in das nächstgelegene Weinmuseum gebracht werden müsste? Bin ich überhaupt in der Lage, diesen tollen Jahrgang zu erkennen bzw. wieso weiß das Alphatier mehr als ich über diesen Wein, über welchen dieser nun schon seit mehr als zehn Minuten, langsam nervend, berichtet?

Im Jahr 2020 wurden durch Rekordernten in einigen Ländern der Welt insgesamt 39 Milliarden Flaschen Wein produziert. Diese nicht unerhebliche Menge an Alkohol wurde auch rege in den letzten beiden Corona -ahren vernichtet – in den Haushalten hinter verschlossener Türe. 

Aber nur ein Prozent dieser weltweiten Produktionsmenge erfüllt überhaupt die notwendigen Bedingungen für eine optimale Flaschenreife mit den Jahren. Weine werden heute stets jung und frisch genossen oder haben Sie schon einmal einen gereiften Lugana in einem italienischen Restaurant bestellt? Miraval Rosé ist nicht für seine gereifte Aromastruktur weltberühmt, oder? Nein, dieser Anspruch an eine Flaschenreife wird nur von einer ganz kleinen Minderheit an Weinliebhabern geschätzt. Hierzu müssen Sie aber auch das nötige Rüstzeug mitbringen.

Sie beginnen doch Ihre guten Vorsätze für das neue Jahr auch nicht gleich mit einem Marathon durch New York, oder? Ein behutsames Aufwärmen vor dem Lauftraining ist von erheblicher Bedeutung. Auch der Verzicht von unnötigen Sättigungsbeilagen vor den Anstrengungen sollte vermieden werden. Alkoholische Produkte sollten gar nicht davor getrunken werden. Ist das nicht fast schon ein Widerspruch? Und dieser ganze Verzicht, nur damit ich fit werde? 

So geht es auch den Jahrgangs-Liebhabern. Aromen, die durch eine Flaschenreifung oder im Fass entstehen, können Sie nur dann richtig interpretieren, wenn Sie Ihren Gaumen zuvor entsprechend trainiert haben. Zugegeben, es gibt Schlimmeres, als sich auf diesen Moment vorzubereiten. Aber in den meisten Fällen verstehen die Alltagskunden überhaupt nicht diese Aromenstruktur und lehnen diese Weine eher ab. Nur gibt man es im Kreise seiner Bekannten meistens nicht offen zu.

Daher bitte mein Appell an alle Weinfreunde – nur Sie bestimmen, wie Sie Ihre schönsten Weinmomente erleben. Hierzu ist noch nicht einmal ein Weinkeller zwingend nötig – hier reichen stets drei bis vier Flaschen vernünftiger Qualität (Preisbereich zwischen 9,50 Euro und 19,50 Euro)
an Weinen im Kühlschrank. 

Übrigens ist mein Jahrgang 1973 im Bordeaux vor allem bei Château Mouton Rothschild ein ganz besonderer, außergewöhnlicher Jahrgang geworden ... na dann Prost!