TECHNOLOGIE & ZUKUNFT

Zurück auf die Weide

Wie grasende Rinder und Pferde die Artenvielfalt fördern.
Autor: 
Kerstin Viering
, Fotograf: 
Advertorial
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Zurück auf die Weide

Auf den ersten Blick sieht der Drehort vielversprechend aus: Ein mit bunten Blüten geschmücktes Grasland in der Nähe von Regensburg. Was könnte näherliegen, wenn man den Orangeroten Heufalter vor die Kamera bekommen will? Schließlich ist das dekorative Insekt auch unter dem Namen „Regensburger Gelbling“ bekannt. Doch so akribisch der Dokumentarfilmer Jan Haft und sein Team das Gelände mit den eingestreuten Felsen auch durchkämmen: Die Fahndung bleibt erfolglos. Weit und breit ist kein Schmetterling mit leuchtend orangefarbenen Flügeln zu entdecken. Dabei wissen die Filmleute, dass die Art hier vor zwanzig Jahren noch herumgeflogen ist. Doch Europas vielleicht bedrohtester Tagfalter hat in seiner Patenstadt offenbar die Segel gestrichen. So wie fast im gesamten Rest des Kontinents.

Grund genug für Jan Haft, das Insekt zum Protagonisten einer filmischen Spurensuche zu machen. Denn für ihn ist das Verschwinden des Orangeroten Heufalters symptomatisch für eine Entwicklung, die auch zahllose andere Tiere und Pflanzen in Schwierigkeiten gebracht hat: „Die meisten Grasländer Europas haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert“, weiß der Biologe aus eigener Anschauung. So werden viele Wiesen heute häufiger gemäht, auf den Weiden grasen die Tiere oft in deutlich höheren Dichten als früher. Mit dieser Intensivierung aber kommen viele Grünlandbewohner nicht zurecht. Andererseits wurde die Nutzung von wenig ertragreichen Flächen vielerorts ganz aufgegeben. Und auch das schadet der Artenvielfalt. Denn ohne Mähgeräte oder grasende Mäuler machen sich rasch Gehölze breit, so dass die lichtliebenden Arten der Offenlandschaft keine Chance mehr haben.

„Um das zu verhindern, versucht man wertvolle Flächen gezielt durch Mähen oder eine Beweidung mit Schafen offen zu halten“, sagt Jan Haft. Doch auch solche Naturschutzmaßnahmen konnten den Rückzug des Orangeroten Heufalters nicht stoppen. Früher flatterte er über viele Graslandschaften im Westen Asiens und im Süden Russlands, in Ost-, Südost- und Mitteleuropa. Auch im Osten und Süden Deutschlands kam er vor. Inzwischen aber steht er in der gesamten Europäischen Union als „vom Aussterben bedroht“ auf der Roten Liste, in den meisten Ländern ist er bereits verschwunden.

Aufgestöbert hat das Filmteam seinen geflügelten Protagonisten schließlich in der rumänischen Region Transsilvanien, wo es noch Landschaften wie aus längst vergangenen Zeiten gibt. Da wandern Rinder und Pferde noch über nicht eingezäunte Hügel, fressen mal hier und mal da an der Vegetation. So schaffen sie eine Art europäische Savanne mit verstreuten Dornbüschen, einzelnen Bäumen und einem Meer von Blüten. Auch der Regensburger Ginster, von dem die Raupen des Orangeroten Heufalters leben, wächst auf diesen traditionellen Dorfweiden reichlich. Und so bekamen Jan Haft und seine Kollegen eine extrem seltene Chance: Für den Fernsehsender ARTE fingen ihre Kameras nicht nur Szenen von ginsterknabbernden Raupen ein. Sondern auch solche von erwachsenen Schmetterlingen in strahlendem Orange, die um die pinkfarbenen Blüten der Pechnelken gaukeln.

Es waren die ersten Bilder einer zoologischen Rarität, die das Team nie zuvor live gesehen hatte. „Bei aller Begeisterung hatten wir allerdings immer im Hinterkopf, dass es auch die letzten Bilder überhaupt von dieser Art sein könnten“, erinnert sich Jan Haft. Denn auch in Rumänien gibt es immer weniger traditionell genutzte Rinder- und Pferdeweiden. Dieser Trend aber könnte den seltenen Schmetterling auch noch aus seinen letzten Refugien vertreiben.

Selbst wenn seine schwergewichtigen Nachbarn durch Schafe ersetzt werden, nützt ihm das nämlich überhaupt nichts – im Gegenteil: Diese Tiere lassen harte Gräser oft stehen, fressen dafür aber die nahrhaften Kräuter sehr gründlich bis fast auf die Erde herunter. Dadurch bleiben nicht nur zu wenige Blüten als Nektarlieferanten für die erwachsenen Falter übrig. Anders als Rinder verspeisen Schafe sehr gern auch die jungen Triebe des Regensburger Ginsters – mitsamt dem daran haftenden Schmetterlingsnachwuchs. Fachleute plädieren deshalb dafür, die letzten Bastionen des bedrohten Schmetterlings weiterhin extensiv mit Rindern zu beweiden. Denn davon könnten auch zahlreiche weitere Arten profitieren.

Das aber gilt keineswegs nur für Rumänien. Schließlich drängen die Landschaftsgestalter auf vier Hufen nicht nur die Gehölze zurück. Sie schaffen auch ein vielfältiges Mosaik von Klein-Lebensräumen für die unterschiedlichsten Ansprüche. Etliche Wildbienen zum Beispiel profitieren von den offenen Bodenstellen, die das Vieh beim Scharren oder Suhlen schafft. Zudem produziert eine einzige Kuh rund zehn Tonnen Dung pro Jahr – ein Schlaraffenland für viele Fliegen und Mistkäfer. Und das reiche Insektenangebot ernährt dann wieder eine Fülle von Vögeln und Fledermäusen, Amphibien und Reptilien. „Schätzungen zufolge können aus 1000 Kilo Rind etwa 100 Kilo Insekten pro Jahr entstehen“, sagt Jan Haft. „Die wiederum ernähren zehn Kilo Insektenfresser und davon lebt dann immer noch ein Kilo Wiesel und andere Raubtiere.“

Was diese statistischen Zahlen in der Praxis bedeuten, kann der Filmemacher vor der eigenen Haustür beobachten: Vor drei Jahren hat er zwei Wasserbüffel angeschafft und ihnen eine 2,5 Hektar große Weide zur Verfügung gestellt. Seither hat sich das feuchte Grünland schon deutlich verändert. „Der extrem seltene Kriechende Sellerie, der Sonne und schlammigen Boden braucht, hat sich dort explosionsartig ausgebreitet“, berichtet der Biologe. An den Pfaden, die seine Büffel getrampelt haben, baut die Auen-Schenkelbiene ihre Brutröhren. Im Dung graben Vögel nach Fressbarem. Und auf dem Rücken der massigen Vegetarier sitzen oft Grünfrösche und Bachstelzen, die Jagd auf die surrenden Bremsen machen.

Auch anderenorts bescheinigen Fachleute den großen Pflanzenfressern beeindruckende ökologische Verdienste. In Thüringen und Baden-Württemberg ist ein Team um den freiberuflich tätigen Biologen Herbert Nickel zum Beispiel auf einen regelrechten Zikaden-Boom gestoßen. „Diese Insekten sind sehr gute Indikatoren für den Zustand und die Vielfalt von Grasland-Ökosystemen“, erklärt der Experte. Etwa 600 der insgesamt rund 650 bekannten Zikaden-Arten in Deutschland leben in solchen halboffenen Lebensräumen – darunter die meisten gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Spezies. Ein besonderes Faible scheinen sie dabei für ungemähte, extensiv beweidete Flächen zu haben: Auf einem einzigen Quadratmeter davon leben mitunter Tausende Zikaden, die zu Dutzenden verschiedenen Arten gehören.

Diese Fülle macht die Tiere zu einer beliebten Beute für die unterschiedlichsten Jäger: Käfer, Ameisen und Spinnen stellen ihnen ebenso nach wie Vögel, Amphibien und Reptilien. Zudem sind in einer vielfältigen Zikaden-Gemeinschaft auch ganz unterschiedliche Lebensstrategien vertreten. Zwar ernähren sich alle Arten von Pflanzensäften, die sie wie mit einem Strohhalm aus den Gewächsen saugen. Doch während sich die meisten dabei auf ganz bestimmte Pflanzenarten beschränken, sind andere weniger wählerisch. Die kleinen Pflanzen-Vampire können sesshaft oder mobil sein, sonnigere oder schattigere Plätze bevorzugen, eine oder mehrere Generationen pro Jahr in die Welt setzen. „Wo es viele verschiedene Zikaden gibt, ist der Lebensraum deshalb meist besonders abwechslungsreich“, erklärt Herbert Nickel. „Fast immer findet man dort zum Beispiel auch eine große Vielfalt von Pflanzen, Tagfaltern oder Heuschrecken.“

Doch selbst wo dieses Potpourri von Arten schon verschwunden ist, muss das nicht so bleiben. Die Untersuchungen in Thüringen haben nämlich gezeigt, dass die Tiere sehr rasch reagieren, wenn man Kühe und Pferde wieder auf die Flächen lässt. Nur fünf Jahre nach dem Beginn der Beweidung haben die Forscher dort zwei- bis dreimal so viele Zikaden-Arten und sogar bis zu viermal so viele Individuen gefunden wie auf einer einmal pro Jahr gemähten Wiese. Und das hatte auch positive Effekte auf die Vorkommen von Vögeln, Reptilien und Amphibien.

Damit Naturschützer solche Erfolgsgeschichten erzählen können, darf die Viehdichte allerdings nicht zu hoch sein. Fachleute wie Edgar Reisinger vom Verein Taurus Naturentwicklung in Jena empfehlen deshalb, möglichst viele Flächen nach den Grundprinzipien der sogenannten „Wilden Weide“ zu bewirtschaften. Demnach braucht ein großer Pflanzenfresser, also ein Hausrind, ein Pferd oder ein Wasserbüffel, aufs Jahr bezogen 1,5 bis 3 Hektar Weidefläche. Insgesamt sollte eine Wilde Weide mindestens 50 Hektar groß sein. Eine europäische Savanne mit all ihrer Vielfalt kann am besten entstehen, wenn robuste Rinder und zusätzlich auch einige Pferde dort das ganze Jahr hindurch grasen und Dung produzieren. Und damit Mistkäfer und Co. nicht unnötig geschädigt werden, sollten die Landwirte bei ihren Weidetieren auf eine prophylaktische Parasitenbekämpfung verzichten und nur bei tatsächlichem Befall behandeln. Wichtig ist auch, dass die Weidefläche nicht durch Zäune unterteilt wird und die Tiere frei entscheiden können, wo und was sie fressen. Denn nur so kann ein naturnahes Vegetationsmosaik entstehen. Weitere Kriterien der Wilden Weide beziehen sich auf eine geringe Zufütterung, eine möglichst stabile Sozialstruktur der Herde, einen Verzicht auf zusätzliches Mähen und das Einbeziehen von Landschaftselementen wie Fluss- und Seeufern, Felsen, Gehölzen und Wald.

„Leider gibt es in Deutschland nur sehr wenige Weiden, die diese Kriterien erfüllen“, sagt Herbert Nickel. Zusammen mit Edgar Reisinger hat er 2021 eine Übersicht entsprechender Flächen zusammengestellt. Demnach gab es damals bundesweit 158 Projekte zur Wilden Weide. Alle diese Grasland-Paradiese zusammen brachten es allerdings nicht einmal auf 18.000 Hektar – und nahmen damit nur 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ein. „Das ist weit von den fünf Prozent entfernt, die Naturschützer fordern, um den Rückgang der Biodiversität zu bremsen“, sagt Herbert Nickel. In seinen Augen ist da noch deutlich Luft nach oben.

Auch andere Fachleute plädieren dafür, künftig mehr Ackerflächen, intensiv genutztes Grünland und Forst wieder in Wilde Weiden umzuwandeln. „Wir könnten so auf einfache, billige und effektive Weise artenreiche Landschaften zurückgewinnen, wie sie früher in vielen Regionen Europas typisch waren“, meint Jan Haft. Zur Forderung vieler Naturschützer, in Deutschland mehr Wildnis zuzulassen, sieht er dabei keinen Widerspruch. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Wildnis“ stellt er die grasenden Rinder und Pferde in die Tradition der längst ausgestorbenen großen Pflanzenfresser früherer Erdzeitalter. Denn einer Theorie zufolge haben Wisente, Auerochsen, Wildpferde und Co. Millionen Jahre lang an Europas Vegetation gefressen und so halboffene Parklandschaften geschaffen, in denen auch viele andere Tiere und Pflanzen zuhause waren.

„Diese Offenland-Arten haben später auf den Weiden von Nutztieren einen Ersatzlebensraum gefunden“, erklärt der Dokumentarfilmer. Doch auch den haben sie vor allem seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in rasantem Tempo verloren. „Noch im Jahr 1900 gab es in Deutschland 25 bis 30 Millionen Rinder und Pferde“, sagt Jan Haft. „Heute sind es nur noch etwa 12 Millionen, von denen die meisten in Ställen leben.“ Ihre Rückkehr in die Landschaft könnte etwas schaffen, das Jan Haft als eine „neue Wildnis“ betrachtet. Ob er die Renaissance einer europäischen Serengeti noch erleben wird, bezweifelt er zwar. Doch er bleibt optimistisch.

Biologische Vielfalt: Unbezahlbar

Weltweit haben Biologinnen und Biologen bisher etwa 1,8 Millionen Pflanzen, Tiere und Pilze beschrieben. Insgesamt aber soll es verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen 10 und 100 Millionen Arten dieser Organismen geben. Viele davon werden wahrscheinlich schon aussterben, bevor die Wissenschaft sie überhaupt entdeckt hat. Das aber ist eine gefährliche Entwicklung. Denn je mehr Arten verschwinden, umso gravierendere Folgen kann das nicht nur für die Ökosysteme, sondern auch für den Menschen haben. Sehr deutlich wird dieser Zusammenhang beim vieldiskutierten Insektensterben. Schließlich erfüllen die Sechsbeiner eine ganze Reihe von wichtigen Funktionen. Ohne sie würde zum Beispiel für viele andere Tiere die Nahrung knapp. Zudem sind weltweit fast 90 Prozent der blühenden Wildpflanzen auf Insekten und andere Bestäuber angewiesen. Ohne die fliegenden Dienstleister würden die meisten Ökosysteme in ihrer heutigen Form also nicht funktionieren. Doch auch auf Feldern und in Gärten sähe es dürftig aus. Zwar lässt sich zum Beispiel Getreide vom Wind bestäuben. Mehr als drei Viertel der wichtigen Nutzpflanzen der Erde aber brauchen Blütenbesucher, wenn sie einen hohen Ertrag und eine gute Qualität liefern sollen. Wer die ökonomische Leistung der Bestäuber abschätzt, kommt da leicht auf Milliardenbeträge. Die Ökosysteme der Erde bieten eine große Palette weiterer Dienstleistungen an, von denen Gesellschaft und Wirtschaft profitieren können. Sie sind natürliche Luftfilter und Kläranlagen, regulieren das Klima und schützen vor Hochwasser. Und dann haben sie auch noch Lebensmittel und Baustoffe, Wellness-Programme und Arzneien gegen alle möglichen Krankheiten im Angebot. All das lässt sich aber nur nutzen, solange im Netzwerk der Arten keine zu großen Lücken klaffen. Denn die Organismen in den Ökosystemen sind durch ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen miteinander verbunden. Da kann schon der Ausfall von ein paar entscheidenden Mitspielern weitreichende und teure Folgen haben, die sich vorher meist nicht bis in alle Details vorhersehen lassen. Die biologische Vielfalt zu erhalten, ist also nicht zuletzt auch im Interesse des Menschen. Dabei geht es nicht nur darum, möglichst vielen Arten eine Zukunft zu ermöglichen. Ein wichtiger Teil dieser Biodiversität besteht auch in der genetischen Vielfalt innerhalb einer Art. Denn je stärker sich das Erbgut der Artgenossen voneinander unterscheidet, umso größer die Chance, dass einer mit den richtigen Eigenschaften für die Herausforderungen der Zukunft dabei ist.