KUNST & DESIGN

Stillstand ist eine Katastrophe

Er wurde mit Monaco Franze, dem ewigen Stenz, verglichen. Peter Buchberger gehört zu den schillerndsten Gestaltern Deutschlands. Jetzt feiert der Interior-Selfmademan das 25-jährige Bestehen seines Studios. Höchste Zeit, ihn ein paar Münchner G’schichten erzählen zu lassen – über Meilensteine, Traumaufträge und die glückliche Fügung.
Autor: 
Tina Schneider-Rading
, Fotograf: 
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Stillstand ist eine Katastrophe

„Im Nachhinein meint man ja immer, Muster zu erkennen. Dabei habe ich inzwischen gelernt, dass das Leben aus Zufällen besteht, aus einer Aneinanderreihung von mehr oder weniger glücklichen Begebenheiten. Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Ich weiß, es bringt nichts, sich gegen den Strom des Lebens zu stellen. Am Klügsten ist es, sich einfach treiben und im besten Fall mitreißen zu lassen. Vielleicht lernt man mit der Zeit, die Stromschnellen eleganter und nonchalanter zu nehmen. Und ein bisserl kann man ihm schon auch auf die Sprünge helfen, dem eigenen Glück.

Wollen Sie ein Beispiel? St. Moritz, die Corvatschbahn im Engadin, Anfang der 2000er Jahre. Eine Gondel, zwei Männer, eine zufällige Begegnung: Michael Käfer und ich sind seit den Achtzigern befreundet, die Nächte im P1 haben uns auf Lebzeiten zusammengeschweißt. Ich hatte in der Abendzeitung gelesen, dass sein Feinkost-Stammhaus an der Münchner Prinzregentenstraße neu gestaltet werden sollte. Jetzt stehe ich ihm in der Gondel gegenüber, beide stecken wir in voller Skimontur. Was für ein Zufall! ‚Wieso fragst du mich nicht, ob ich dir dein Stammhaus umbaue?‘, frage ich ihn. Ich spüre, das Treffen ist eine Fügung, eine glückliche Gelegenheit. Die griechischen Philosophen haben dafür einen Begriff geprägt: Kairos. Er beschreibt die Magie des passenden Moments für eine gelungene Entscheidung.

Michael war von meiner Frage sichtlich überrumpelt. Aber ein paar Tage später rief seine Sekretärin an und ließ sich einen Termin für das erste Planungsgespräch geben, und seitdem habe ich drei Käfer-Restaurants umgebaut. Diese Projekte waren zwar nur ein Mosaiksteinchen von vielen in meiner Karriere. Aber auf diesen Auftrag bin ich besonders stolz. Denn mit der Inneneinrichtung habe ich das gängige Chalet-Design revolutioniert: Ich habe das Rustikale – dieses Traditionsverhaftete, Hölzerne – ganz neu definiert. Denn Rückbesinnung kann auch Fortschritt sein. Entstanden ist ein sinnliches Erlebnis aus authentischen, einfachen Materialien wie sonnenverbrannter Fichte oder originalen Kacheln, die gut altern dürfen. Und dabei ganz entspannt immer schöner werden.

Das Glück liegt für mich im Individualismus, auch im Spielen mit den Versatzstücken der Vergangenheit. Die Ausstattung der Thomas-Mann-Villa in Bogenhausen stammt von mir, bald kamen Hotels, Restaurants, Boutiquen, Villen und Apartments in ganz Deutschland hinzu. Dabei bin ich ja Quereinsteiger! Ab 1988 studierte ich an der LMU München: Strategische Unternehmensführung, Marketing, Design. Ganz ehrlich? Ich habe mich immer ausschließlich fürs Design interessiert. Ein paar Jahre später wurde Heino Stamm auf mich aufmerksam. Wieder eine glückliche Fügung: Der Architekt traf in Marbella auf unseren gemeinsamen Bekannten, den Promifriseur Udo Walz. Der erzählte Stamm: ‚Ich kenne da einen begabten, eleganten Playboy, der zweimal im Jahr seine Wohnung neu dekoriert. Den musst du kennenlernen!‘

Im Jahr 1997 fing ich bei Stamm im Architekturstudio an, er wurde mein Mentor, ich sein freier Mitarbeiter. Freiheit, das ist ein wichtiger Schlüssel-begriff in meinem Leben. Im März 1999 gründete ich meine eigene Firma‚ Raumkonzepte Peter Buchberger‘. Es gab kein Instagram, das Internet steckte in den Kinderschuhen. Ich plante die Villa eines Milliardärs am Starnberger See, in einem eklektischen, mannigfachen Stil, abseits der gängigen Trends oder Moden. Ich verkörperte diese Überzeugung auch mit meinen Outfits. Zu einer Besprechung mit einem Bogenhausener Bauherrn erschien ich im Wolfspelzmantel. Ein Erbstück meines Großvaters, ich hatte es im Keller meiner Eltern gefunden. Es war kalt, ein typischer Münchner Winter eben, und ich liebe den großen Auftritt. Natürlich greife ich da zum Wolfspelz!

In der Theatinerstraße baute ich Boutiquen um, etwa das Modehaus Maendler, in dem 76 Jahre lang (bis 2012) internationale Luxusmode verkauft wurde. Ein Kernstück meiner Ladenausstattung war der ‚Bird Cage‘ des Künstlers Rolf Sachs, ein goldener Vogelkäfig. Ich habe das Stück zusammen mit einem Mitarbeiter persönlich angeliefert; wie Carl Zellers Vogelhändler spazierten wir mit dem Riesenkäfig durch die Fußgängerzone. Maendler war von dem Stück so begeistert, dass ich die Lichtskulptur auch beim zweiten Umbau 2009 wiederverwendet habe.

Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde. Zugleich versuche ich, Uniformitäten zu vermeiden, nicht nur beruflich. Ich mag auch privat dieses Hinterherreisen nicht: Im März zieht es die Society auf die Malediven, an Weihnachten ‚ist man in St. Moritz‘. Tausendmal lieber lasse ich meinen Horizont sich selbst erweitern – denn Pausen sind für mich perfekt, nur Stillstand ist eine Katastrophe. Mit meinem Mann Branko bin ich Ende 2023 durch Costa Rica gereist, im Geländewagen sind wir im Dschungel ein paarmal vom Weg abgekommen. Das war wild, das beste Erlebnis des ganzen Urlaubs! Ich lasse mich gern auf solche evolutorische Prozesse ein, lasse mich treiben. Die ‚Sofortness‘, diesen Kult, dass alles zeitnah fertig werden muss, verabscheue ich. Wie soll ich etwas Kreatives abliefern, wenn ich noch gar nicht die richtige Eingebung hatte? Ich stelle auch Qualität über Quantität. Deshalb habe ich mein Büro klein gehalten, mit wenigen Mitarbeitern. Ich nehme nur Projekte an, von denen ich voll überzeugt bin. Eine Kundin schwärmte einer Mitarbeiterin in meinem Atelier einmal vor: ‚Der Herr Buchberger, der ist ja wirklich eine Erscheinung!‘ Meine Kollegin gab trocken zurück: ‚Ja, wenn er denn auch öfter im Büro erscheinen würde!‘ Die Freiheit, Sie wissen schon ...

Sobald ich aber Feuer gefangen habe, werde ich zum Workaholic. Ich könnte natürlich den bequemen Weg gehen, aber ich mag kein Erfüllungsgehilfe sein. Ich reproduziere ungern Gedanken von anderen. Und ich empfinde es als meine Aufgabe, edukativ aufzutreten. Manche Auftraggeber machen ihre Immobi-lienentscheidung von meiner Meinung abhängig, da trage ich Verantwortung! Gerade betreue ich einen privaten Bauherrn mit seinem dritten Projekt, einer Villa im Münchner Süden. Ich flanierte vor kurzem mit ihm durchs Haus, wir unterhielten uns gut, bis wir in die Tiefgarage kamen. Die Decken dort waren viel zu niedrig. Ich überzeugte ihn, sie zu verspiegeln und die Wände in einem luxuriös schimmernden Braunton zu tapezieren. So bekam seine Bolidensammlung eine würdige Kulisse, man merkt jetzt kaum mehr, dass man in einer Garage steht.

Die Stromschnellen des Lebens haben mich manchmal tief hinabgezogen. 2017 war für mich in vielerlei Hinsicht ein herausforderndes Jahr. Meine Eltern starben, kurz hintereinander. Ein furchtbarer Verlust. Trotz meiner Trauer war ich in der Lage, mit dem Infinity Unterschleißheim eines der größten Hotelprojekte meiner Laufbahn zu verwirklichen: 300 Zimmer, eine enorme Lobby mit Restaurant und der größte Hotel-Spa-Bereich in ganz Bayern. Großaufträge spornen mich an: Für die Allianz Versicherungsgruppe schuf ich 2020 Konzepte für eine neue Arbeitswelt und lieferte damit meinen Beitrag für die Zukunft von zigtausend Mitarbeitern.

Was mich mit meiner Idee des Kairos immer wieder bestätigt: Auch der größte Auftrag kann durch Zufall entstehen. Ich bin kein Salonlöwe, treibe mich nicht gern auf Messen, Partys und Shop-Eröffnungen herum. Für Smalltalk ist mir meine Zeit zu kostbar. (Die frühen Treffen mit Angelika Taschen und Beate Wedekind in den Achtzigern zählen aber trotzdem für immer zu meinen Sternstunden!) Tiefgreifendes Interesse entsteht bei mir am besten im Nebenbei – vielleicht an einer Hotelbar oder weil man im Flugzeug durch eine glückliche Fügung neben-
einandersitzt. Ein paar Tage später klingelt dann oft das Telefon – ein neuer Auftrag! Sie merken schon, ich erzähle gern und viel. Aber ich kann auch zuhören und vor allem diskret sein. Ein Bauherr wollte vor ein paar Jahren im Weinkeller seines 1000-Quadratmeter-Anwesens für gelegentliche Herrenrunden eine versenkbare Table-Dance-Stange eingebaut haben. Natürlich habe ich ihm diesen Wunsch erfüllt. Seine Frau sollte davon allerdings nichts wissen – ich erzähle Ihnen das hier also unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

In den letzten Jahren habe ich mich nochmal neu verliebt, jenseits des Interior Designs ist meine Leidenschaft zur Kunst entflammt. Ich habe eine nicht unbeachtliche Sammlung an Arbeiten renommierter und zeitgenössischer Künstler aus den letzten fünfzig Jahren, ich investiere auch in Abschlussarbeiten der Akademien. Die meisten Innenraumgestalter können mit Kunst nicht umgehen. Sie schaffen uniformierte Konzepte, völlig kunstfrei, dafür überladen mit Dekoration. Für mich strahlt ein Werk idealerweise aufs Design ab, der Spirit vergangener Epochen überträgt sich aufs Wohnen. Deshalb habe ich im Januar mit meinen Freundinnen Mon Muellerschoen und Andrea von Goetz die ‚MAP Gallery‘ in Berlin gegründet. Auf einer Gemeinschaftsausstellung in Bad Gastein verkauften wir einige schöne Stücke, und danach kannte ich natürlich kein Halten mehr: Ich habe das verdiente Geld (und ein paar Euro mehr!) sofort wieder für Kunst ausgegeben. Ich kann einfach nicht anders!

Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts macht mich glücklich, sie lässt mich lebendig sein. Idealerweise geht ein gut geplantes Interior dann in der Kunst auf: In unserem Münchner Wohnzimmer habe ich eine kassettierte Decke einbauen lassen, lauter farbige Rechtecke, inspiriert von Piet Mondrian. Sehen wir der Realität ins Auge: Heutzutage können wir uns nur noch schwerlich leisten, Schlösser zu bauen. Aber wie wäre es, wenn wir uns ein Versprechen abnehmen? Lasst in unsere bescheidene Behausungen Stil-Zitate großer Künstler und Baumeister Einzug halten! Und darüber hinaus möchte ich Sie ermutigen, immer auf die glückliche Fügung zu vertrauen.“

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